Aus der Niederwallufer Schulchronik
© Norbert Michel
Am 14. August 1819 erließ die Herzoglich Nassauische
Landesregierung die Verordnung 220b1, die bestimmte, dass die Schulen im Lande ab sofort eine
Schulchronik zu führen haben. Über den Inhalt, sowie welcher Lehrer die Chronik zu
führen hat, lässt sich die Landesregierung folgendermaßen aus:
"Das Aufzeichnen und Aufbewahren der wichtigsten Eraignissen einer jeden Schule, oder
die Verfertigung einer Schulchronik erscheint als belohnend und nützlich. In derselben
würden ohne besondere Bemerkungen die Veränderungen mit den Lehrern und ihre kurzen
Biographien, die halbjärige Anzahl der Schulkinder nach den Klassen, dem Geschlechte und
der Confehsion; die Zahl der Neu eingetretenen und Abgegangenen, die Zeit und Ort der Schulprüfungen
und der Schulfeierlichkeiten, die Veränderung der Schulinspectoren und des Schulvorstandes,
der Schulbesoldung, die zur Schule gehörenden Grundstücke, des Schulhauses, sowie
die wichtigsten Ereignisse des Vaterlandes und der Gemeinde, welche auf das Schulwesen einen
Einfluß haben kurz aufgezeichnet.
Wo mehrere Lehrer angestellt sind, führt jedesmal der Aelteste diese Schulchronik, welche
mit Nachholung der bekannten frühen Geschichte, vor der neueren Organisation beginnt.
Sie werden für jede Schule ein besonderes Buch von 4 (Buch) Schreibpapier in Folio auf
den zur Anschaffung von Schulbedürfnissen bestimmten Credit anschaffen, und bei ihren
Schulvisitationen jedes mal nachsehen, daß diese Schulchronik richtig geführt werde."
Die Niederwallufer Schulchronik ist von Beginn an bis um 1970 im Heimatarchiv komplett erhalten.
Lediglich, was besonders ärgerlich ist, die Jahre 1934 bis 1945 fehlen. Über die
Hintergründe warum ausgerechnet diese Jahre fehlen, mag sich jeder selbst seine Gedanken
machen.
In Zukunft sollen in den "Beiträgen zur Wallufer Ortsgeschichte" auszugsweise
Passagen der Schulchronik zur Veröffentlichung kommen. Den Beginn mache ich mit einer
Aussage des damaligen Lehrers, eine Charaktereigenschaft der (damaligen) Niederwallufer betreffend:
"1818, den 3ten Januar erschien eine Verordnung ad Num. Reg. 184, das Annehmen oder Anerbieten
von Geschenken betreffend, worin den Schullehrern alles Anbieten von Geschenken und Annehmen
der Geschenke scharf untersagt wurde. Der Lehrer von Niederwalluf wurde noch nie durch Geschenke
in Versuchung geführt. Die Gewohnheit der Niederwallufer ist eine andere Natur: Dasjenige
was sie besitzen, nie zu verschenken."
Der Lehrer, der dies aufschrieb war Johann Wendel Blees, der sich in der Einführung der
Schulchronik wie folgt selbst darstellt:
"Wendel Blees ist gebohren im Jahr Xti 1757 den 28ten Juni zu Niederwalluf, im Rheingau
vor der französischen Revolution zum Mainzer Lande gehörigen Amt Eltville. Dessen
Eltern waren Wilhelm und Mutter Eulalia. Dessen Vater war 32 Jahr Churfürstl. Pachter
an dem dahiesigen Rhein = Zwergfahrt.
Meine Eltern ließen mich bei dem Johann Litzius Lehrer dahier in lateinischen Anfangsgründen
unterrichten, von da kam ich nach Mainz zu den Jesuiten in die erste Schule, und setzte meine
Studien fort bis in die Philosophie. Von da wendete ich mich in die Normalschule zu Mainz,
und habe mir die Kenntnisse eines Schulmannes erworben.
1797 wurde ich von der Kurfürstl. Mainzische General Schulkommission von Ascaffenburg
auf die Schul zu Niederwalluf Substituirt und hielt Schul bis zum Jahr 1806. Da starb Johann
Litzius in einem Alter von 86 Jahr: Als dann hatte ich das ganze Schulsalarium zu beziehen
nämlich in fido aus der Gemeindskasse 48 fl 43 xr. Aus dem Salmischen Fond 22 fl, aus
der Kirch als Glöckner und Organist 30 fl. Von Schulgeld wurde jährlich zahlt pro
Kind 24 xr. Die Anzahl der Kinder bestand ohngefähr in 80 Köpfe. Von jedem Bürger
jährlich 2 Mas Glockenwein in Sum. 2 Ohm, von jedem Bürger jährlich 2 Brod.
Von den Forenzen 3 Haufen Glockengarben.
Im Jahre 1818 den 1ten 8bris wurde ich durch Decret von der Hohen Landes = Regierung sowohl,
als auch (Obere)schulräthe zum Lehrer an der neu eingerichteten Elementarschule daselbst,
als auch zugleich zum Organist, Cantor, Glöckner und Küster an der dasigen katholischen
Kirche festgesetzt mit einem Gehalt von Dreihundert Gulden 12 xr."
Am 1. Juli 1822 wurde Wendel Blees mit 100 Gulden jährlichem Gehalt in den Ruhestand versetzt.
Sein Nachfolger war der Lehrer Franz Gerhard aus Geisenheim.
Blees verstarb Anfang des Jahres 1834 in Niederwalluf.
Der von Blees erwähnte Lehrer Johann Baptist Litzius wurde um 1719 in Rauenthal geboren.
Er heiratet 1739 die Niederwalluferin Maria Elisabeth Herborn und wird bereits zu dieser Zeit
als Schulmeister (Ludirector) zu Niederwalluf bezeichnet. Nach dem Tode der Maria Elisabeth
am 19. Mai 1847 heiratete er in zweiter Ehe am 8. Januar 1748 Anna Maria, die Tochter des Niederwallufer
Schiffers Johann Budi. Aus jeder seiner Ehen gingen 5 Kinder hervor. Valentin Ignatz, ein Sohn
zweiter Ehe wurde Schulmeister zu Hattenheim.
Der 1760 geborene Sohn Caspar Joseph war in jungen Jahren Sekretär in Diensten des Herrn
Hugo Franz Lothar Dominik Ignaz Johann Nepomuk Freiherr von Geismar gen. Mosbach von Lindenfels.
Dieser war kurfürstlich - trierischer Kämmerer und der oberrhein. freien Reichsritterschaft
erbetener Ritter- und Assistenzrat. Bei ihm war Litzius noch im Jahre 1789. Bei der Taufe des
Sohnes Peter Anton wird C.J. Litzius bereits als "musicus" erwähnt. Seit dem
27.07.1810 ist C.J. Litzius Organist am Dom St. Barholomäus zu Frankfurt, wo er seit 15.12.1820
das Bürgerecht besaß.
(Quelle: Dr. Adam Gottron in "Caspar Joseph Litzius - ein Mainzer Kirchenmusiker aus der
Zeit der französischen Revolution").
Wie bereits oben erwähnt, verstarb der Niederwallufer Schulmeister Johann Baptist Litzius
1806, im Alter von 86 Jahren. Er war bis zu seinem Tod als Lehrer tätig und versah seinen
Dienst damit mindestens 67 Jahre in unserer Gemeinde.
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