Einwanderung in den Rheingau

Startseite
Ahnenforschung Familie Michel
Niederwalluf im Bild
Walluf
Zur Niederwallufer Geschichte
Rheingau
Einwanderung in den Rheingau
Links zu interessanten Seiten
Auswanderung aus dem Rheingau
Quellen, Bürgerlisten usw.


Die Einwanderung in den Kurmainzer Rheingau

© Norbert Michel

Nach einer im Jahre 1643 erstellten Aufzeichnung der geltenden Rechtsgrundsätze im Rheingau haben die Bürgerschaft und sämtliche Einwohner des "Ländleins Rheingau" das hergebrachte Privileg und die Freiheit, daß sie "der Herrschaft mit keiner Leibeigenschaft, noch einigen Frondiensten verbunden" sind.

Diese Tatsache hat sicher entscheidend dazu beigetragen, daß der Rheingau ein begehrtes Einwanderungsland war und sich immer wieder Fremde hier niedergelassen haben.

Die Einwanderungsformalitäten

Das Weistum von 1324

Bereits das Rheingauer Weistum von 1324 erwähnt das Recht, welches jedem Fremden zugestanden wird, der das Bürgerrecht erwerben will:

Das es unbeschränkt erworben werden kann, daß der Einzug in das Land frei ist, steht an erster Stelle. Wenn der "arme Mann, der unfrei und einem fremden Herrn unterworfen ist, in den Rheingau ziehen will, des Erzbischofs Bürger hierselbst zu werden, aber Sorge hat, daß man ihn verfolgen und festhalten möchte, so kann er seine Absicht dem nächsten rheingauischen Beamten ansagen lassen, und dieser muß an die Landesgrenze ziehen, wenn er es aber nicht tut, ihm für den Schaden, etwa für den bei der Verfolgung erlittenen Verlust der Habe, Ersatz leisten". In der Bildlichkeit der Volkssprache wird das Weistum noch so ausgedrückt: Ist ein von seinem Herr oder dessen Beamten verfolgter Flüchtling an der Grenze angelangt und bekräftigt es durch seinen Eid, daß er des Erzbischofs Bürger im Rheingau werden will, ist er auch bereits mit den vorderen Rädern seines Wagens über die Grenze hinweg und der Erzbischof oder seine Beamte sind gleichfalls zur Stelle, so kommt es darauf an, ob diese stark genug sind, den Wagen vollends über die Grenze zu ziehen, dann genießt der Armmann den Rechtschutz des Erzbischofs gegen seinen bisherigen Herrn "als ein Bürger in dem Rheingau" und darf nun nicht mehr zu der alten Leibeigenschaft und in den Dienst seines alten Herrn zurückgefordert werden. Die persönliche Freiheit erwirbt er allerdings noch nicht, vielmehr darf der Herr seine Ansprüche in Jahresfrist geltend machen und dann muß der Entwichene jährlich zu Martini ein Summer Hafer und ein Huhn als Zeichen seiner Dienstbarkeit und Unfreiheit an den herrschaftlichen Beamten liefern, wenn der es persönlich einfordert; er muß das Huhn diesem "über sein Gatter" reichen. Findet der Amtmann aber eine Kindbetterin im Haus, so soll er ihr das Huhn lassen und nur dessen Kopf als Zeichen für seinen Herrn mitnehmen. Nach dieser Vorschrift wurde auch in Wirklichkeit verfahren, und noch lange nach dem dreißigjährigen Krieg war die Erinnerung an diesen wohltuend menschenfreundlichen Brauch lebendig. Hat der frühere Herr jedoch die Frist des einen Jahres ungenutzt versäumt, so hat er keinerlei Recht mehr an dem Manne und dieser brauchte fortan nur dem Erzbischof nach Gewohnheit und Recht des Rheingaus zu dienen.

Die neue Landordnung von 1527

Im Jahre 1527 erläßt der Mainzer Kurfürst und Erzbischof Albrecht von Brandenburg eine neue Landordnung für den Rheingau. Nach der Niederschlagung der Bauernkriege, an denen auch die Rheingauer beteiligt waren, wird die Freiheit etwas eingeschränkt. Unter Punkt 58 der Landordnung heißt es: "Es soll auch hinführo in einigen unsern Flecken des Rheingaues keiner zu Bürger aufgenommen werden, er bringe dann glaubhafte Brief und Siegel, daß er ganz frey sey, und keinen nachfolgenden Herrn habe, auch eines frommen ehrbaren Herkommens und Wesen seye, dazu keinen abhängigen Kriegischen Handel habe". Damit wurden jene Hauptsätze des rheingauischen Weistums aufgehoben, die dem unfreien Einwanderer die Möglichkeit eröffneten, seine Freiheit zu erlangen. Die Besiedelungsdichte des Rheingaus hatte einen Stand erreicht, die es den Behörden erlaubte nicht mehr auf jeden "hergelaufenen Habenichts" Rücksicht zu nehmen. Man war nunmehr in der Lage gewisse Mindestansprüche an den Einwanderer zu stellen. Die niedergeschlagenen Bauernaufstände boten der Obrigkeit eine gute Gelegenheit ihrer Ansicht nach überholte Rechtsgrundsätze, auch gegen den Willen der Bevölkerung zu ändern.

Der Rheingauer Landbrauch 1643

Im Jahre 1643 wurden zum ersten Mal in der Geschichte des Rheingaus die Rechtsbräuche und Gewohnheiten des Landes von dem Gewaltboten Nikolaus Itzstein gesammelt und aufgezeichnet. Eines dieser handschriftlich verfassten Exemplare und zwar das der Gemeinde Johannisberg, konnte das Heimatarchiv Walluf auf Grund einer Spende des SPD-Ortsvereins Walluf in einem Mainzer Antiquariat erwerben. Das Amt des Gewaltboten (Walpode) ist im Rheingau seit 1423 belegt. Der Gewaltbote war für Kriminalangelegenheiten und Strafvollstreckung zuständig. Nikolaus Itzstein übernahm dieses Amt um das Jahr 1635. Bereits 1619 wird er als Schultheiß von Johannesberg genannt.

Der Punkt 58 aus der Landordnung 1527 wird 1643 als Artikel 5 in den Rheingauer Landbrauch aufgenommen. Der Artikel lautet: "Es soll undt wirdt auch kein ausländischer Man odter fraw aufgenohmen, sie haben den einen obrigkeitlichen schein undt beglaubte urkundt, das sie nicht allein legitime undt ehrlich von Ehrlichen Eltern geboren, sondern auch das sie der leibeigenschafft gantz gefreyet, undt keinen nachfolgenten Herrn haben, undt da sich einer oder ohn vermerckter Dingen ins lant einschlaissen solte, undt noch mit laibeigenschafft beladen sein, den odter dieselbige soll man de facto ohn einige exception aus dem lant wiederum fortschicken, undt zumahl keine häusliche wohnung gestatten, ferner praejuditz vorzukommen"

Eine weitere Voraussetzung der Zuzugsgenehmigung war der Besitz von mindestens 100 Gulden. Waren die erwähnten Nachweise erbracht, so mußte wie im Jurisdiktionalbuch 1671 nachzulesen ist "ein mann, so frembt hier in dem flecken sich häußlichen setzt, gibt er Ihro Churfürstl. Gnl. 4 Gulden undt in die Gemeinde 2 Gulden nebens einem ledernen Eimer, Ein Weibsperson aber gibt Ihro Churfürstl. Gnl. 2 Gulden undt in die Gemeinde 1 Gulden". Diese Einzugsabgaben erwähnt auch noch das Jurisdiktionalbuch vom Jahre 1691.

Einen interessanten Ausblick auf die Kulturzustände des 17. Jahrhunderts gewährt die Vorschrift, daß jeder, der in dem Lande das Bürgerrecht erwirbt, mag das durch Geburt im Lande selbst, oder durch Einzug der Fall gewesen sein, einen ledernen Eimer, "so man in Feuersnöten gebraucht", zu liefern hatte. Auch sagt das Jurisdiktionalbuch bei Erwähnung des auf die Gemeinden entfallenden Anteils am Einzugsgeld von verschiedenen Orten, z. B. Eltville, daß diese Abgabe zur Anschaffung von Löschgeräten bestimmt sei.

Am 9. August 1685 wird den Schultheißen des Rheingaues ein Kurfürstlicher Befehl übermittelt. Hierin wird ihnen bei Androhung einer Strafe in Höhe von 100 Reichstalern untersagt Bürger oder Beisassen aufzunehmen, welche sich nicht zur katholischen Religion bekennen.

Amt und Land Rheingau

Der Rheingau ist ein klar umgrenzter Bezirk. Die Grenze war im Süden und Südwesten, von Niederwalluf bis Lorchhausen, der Rhein. Auf der Landseite, im Nordwesten, Norden und Osten, war das Land durch das Gebück begrenzt. Es bestand in der Regel aus einem dichten Verhau, der dadurch entstanden war, daß man Bäume gekappt und die frisch ausschlagenden Triebe eng miteinander verflochten hatte. Diese Befestigungsanlage die an strategisch wichtigen Stellen durch Mauern und Festungsbauwerke verstärkt war, bot den Rheingauern jahrhundertelang einen guten Schutz.

(Karte des Rheingaus um 1708)

Das Gebück lief von Niederwalluf den Wallufbach entlang bis zu einem Punkt zwischen Martinsthal (Neudorf) und Schlangenbad. Hier befand sich eines der größeren Bollwerke, die Klinge genannt. Das Gebück wandte sich hier scharf nach Westen und lief über die Höhe des Taunus hinweg unmittelbar südlich von Hausen v. d. Höhe und dem Mapper Hof vorbei zum "Weißen Thurm". Von hier zog es sich nördlich um Preßberg zur Wisper. Diese wurde unmittelbar vor der Kammerburg und Rheinberg überschritten, die beide außerhalb des Landes blieben, ebenso wie Burg Sauerthal und der Frohnborner Hof. An diesen vorüber zog sich das Gebück durch das Niedertal an den Rhein, wo es zwischen Lorchhausen und Kaub endete.

Außerhalb dieses scharf abgegrenzten Bezirks lagen noch einige Ortschaften, die zwar zu dem Kurfürstlichen Amt Rheingau gehörten, an dessen Verfassung und Sonderrechten aber keinen Anteil hatten, insbesondere nicht frei von Leibeigenschaft waren. Der Rheingauer Landbrauch bezeichnet diese Dörfer, nämlich Ransel, Wollmerschied, Espenschied, Ober- und Niedergladbach, Frauenstein und als einzige Gemeinde auf der anderen Rheinseite gelegen Budenheim als "ausländische Flecken", die "mit den Rheingauischen privilegys nicht participieren können".

Die beim Einzug in das Land geschilderten Vorbedingungen mußten nicht nur von den Untertanen fremder Länder erfüllt werden, der Rheingauer Landbrauch (Art. 7) sagt ausdrücklich, daß sogar die Bewohner des "Amtes" Rheingau beim Einzug in das "Land" Rheingau, daß heißt in den oben genauer bezeichneten, eng umgrenzten, eigentlichen Rheingau, "ihre praestationes, so sie ins Land ziehen wollen, gleich anderen Fremden leisten" müssen. Doch es ist anzunehmen, daß in diesem Fall die Abgabe an den Kurfürsten wegfiel, denn diese Fremden waren ja nach wie vor Untertanen des Kurfürsten. Durch ihren Einzug in das "Land" haben sie aber das speziell rheingauische Bürgerrecht mit seinen Vergünstigungen neu erworben und deshalb die Abgaben an die Gemeinden wie Ausländer leisten müssen.

Die Landschreiberei

Der Landschreiber wird urkundlich zuerst im Jahre 1267 mit dem Dienstsitz in Bingen genannt. Der Dienstsitz wurde 1437 nach Algesheim und etwa 1462 nach Eltville verlegt. Das Amt des Landschreibers umfaßte, im großen gesehen, die Verwaltung der erzstiftlichen Grundherrschaften und alle damit verbundenen Einkünfte. Im einzelnen unterlagen der Aufsicht des Landschreibers: die Kellereien zu Eltville, Algesheim und Bingen, die Salhöfe zu Kastel, Rüdesheim und Lorch, die Kranenmeistereien zu Eltville, Rüdesheim, Bingen, Niederheimbach und Lorch, sowie die spätestens 1549 begründete Kranenmeisterei zu Östrich, ferner die Geleitsbeamten und die Landzöllner in Niederwalluf, Rauenthal, Kiedrich und Hallgarten, zusammen mit dem Vicedom die Förster im Kammerforst. Bei den Kellereien gingen nicht nur die Ernteerträge des landesherrlichen Besitzes ein, sondern auch der Zins von Mühlen, Backhäusern und Badestuben, ferner die Gebühren von Weinmärkten, das Standgeld von den Jahrmärkten, die Abgaben für Aus- und Einwanderung, die gerichtlichen Strafen und Bußen mit Ausnahme der den Gemeinden überlassenen Feldrügen, die Schutzgelder für die Juden, die Erträge aus einer Umsatzsteuer für Wein, die Ungelt genannt wurde und anderes mehr.

Die Landschreiberrechnungen

Die Landschreiberrechnungen (die sich in Abteilung 108 des Hessischen Hauptstaatsarchives in Wiesbaden befinden) sind ab 1549 bis 1803, bis auf wenige Ausnahmen, fast vollständig erhalten.

Wie bereits oben aufgeführt, war die Landschreiberei für die bei Ein- und Auswanderung fälligen Abgaben zuständig. Für den Familienforscher dürften diese Listen von einigem Interesse sein.

Die Einwanderungslisten nennen ab 1672 oft die Namen der Neubürger. Ebenfalls ab 1672 wird meist auch der Zuzugsort des Neubürgers angegeben. Von besonderem familienkundlichen Reiz werden diese Einträge in den Landschreibereirechnungen vom Jahre 1694 an, da von da ab bis zum Untergang des Kurstaates 1803 neben dem Namen, auch Zuzugsort und in der Regel der Herkunftsort der Neubürger genannt ist.

Bis einschließlich 1769 sind sämtliche Eintragungen für alle Orte des Rheingaus pro Jahr in einem Band verzeichnet. Im Frühjahr 1770 erließ die Landesregierung eine Reihe von Verordnungen, mit denen die bisherige Verwalungsorganisation völlig umgestaltet wurde. Das bisherige Vicedomamt Rheingau wurde in zwei Amtskellereien aufgeteilt, die zu Eltville und Rüdesheim eingerichtet wurden. Von 1770 bis zum Ende 1803 gab es dann für jedes Jahr zwei Rechnungsbücher, nämlich für jede Kellerei einen Band.

Zur Kellerei Eltville gehörten:

Budenheim, Eltville, Erbach, Frauenstein, Hallgarten, Hattenheim, Kiedrich, Mittelheim, Neudorf, Niederwalluf, Obergladbach und Niedergladbach, Oberwalluf, Östrich, Rauenthal.

Zur Kellerei Rüdesheim gehörten:

Aulhausen, Assmannshausen, Eibingen, Espenschied Geisenheim, Johannisberg, Lorch, Lorchhausen, Presberg, Ransel, Rüdesheim, Stephanshausen, Winkel und Wollmerschied.

Während einiger weniger Jahre wurde in den Rechnungsbüchern keine Trennung zwischen Lorch und Lorchhausen, bzw. zwischen Ober- und Niedergladbach vorgenommen. Der Schreiber führte in jenen Jahren eine Liste "Lorch und Hausen" bzw. "Gladbach". Diese Gliederung wurde in der Abschrift so übernommen.

Budenheimer Neubürger sind ab 1798 bis zum Ende des Kurstaates 1803 keine verzeichnet. Die Landschreibereirechnungen vermelden lapidar:

"Zu Budenheim "0" weil auf dem lincken Rheinufer gelegen". Grund war die Abtretung der auf der linken Rheinseite befindlichen deutschen Gebiete an Frankreich. Infolge des Friedens von Campo Formia wurden diese Gebiete am 30. Dezember 1797 von den Franzosen nicht nur besetzt, sondern auch politisch annektiert.

Die Einwanderungslisten sind auf der Seite Quellen, Bürgerlisten usw. , aufgeteilt auf die einzelnen Orte, zu finden. Für die Rheingauorte ist dort auch eine Bürgerliste aus dem Jahre 1665 eingestellt, die als Ausgangspunkt, in Verbindung mit den Einwanderungslisten, für familienkundliche Forschungen genutzt werden kann.


Einen interessanten Artikel zum Thema "Welsche Einwanderer im 17. u. 18. Jahrhundert in Kurtrier und näherer Umgebung", von Archivrat i. R. Eduard Lichter, finden Sie hier. Die Darstellungen können für das Kurfürstentum Mainz übernommen werden.



                                               

Startseite | Ahnenforschung Familie Michel | Niederwalluf im Bild | Walluf | Aus der Niederwallufer Geschichte | Rheingau | Einwanderung in den Rheingau | Links zu interessanten Seiten | Auswanderung aus dem Rheingau | Quellen, Bürgerlisten usw.

© Norbert Michel

Datum der letzten Änderung 30.07.99